Die Gefahren der Macht
Kainiten sind Wesen mit unglaublicher Macht. Wie sehr unterscheiden sie sich von dem, was sie einst waren. Sie müssen Blut trinken, um zu überleben. Sie haben keinen Herzschlag mehr und auch sonst sind sie dem Tode näher als dem Leben. Ihr Körper altert nicht mehr, ist gefangen in einem Stadium des ewigen Sterbens. Nicht tot, aber auch nicht lebendig. Sie können sich Messer in ihr Herz rammen, doch nur der Schmerz verrät, dass die Klinge dort ruht, denn ihr Leib wandelt weiter. Dann ist da noch diese Bestie in ihnen, die nach Blut, Gewalt und Vernichtung schreit und versucht das Gewissen eines jeden Kainiten zu formen, zu untergraben, bis sie ihre Macht ausspielen kann und ihn am Ende zu ihrem Werkzeug macht.

All dies kann Kainiten in die Verzweiflung stürzen oder aber sie frohlocken lassen. Die meisten Kainiten akzeptieren irgendwann, dass sie keine Menschen mehr sind. Sie wählen sich Prinzipien, Glaubensrichtungen, mit welchen sie der Bestie im Inneren widerstehen oder mit ihr in Einklang kommen.

Doch ihr Geist ist der eines Sterblichen. Er ist nicht dafür geschaffen, Jahrhunderte zu überdauern. Er ist nicht geschaffen dafür, jede Nacht aufs Neue einen inneren Kampf zu führen. Irgendwann zermürbt der Kampf jeden.

Doch wie lange dauert es? Wie lange kann ein Geist mit diesem Wissen diesen Kampf ohne Schaden überstehen?

Kainiten sind dem Wahnsinn näher als jeder Mensch, so heißt es. Bedenkt man die Worte zuvor, ist dies wohl auch zu verstehen.

Doch zu all diesen Dingen, welche den Geist des Kainiten belasten, kommt noch etwas dazu. Etwas, was so manchen Sterblichen versucht, selber diesen Fluch auf sich zu nehmen ? Macht!

Jeder Kainit ? so unbedeutend er auch sein mag ? besitzt Kräfte, von welchem ein Sterblicher nur träumen kann. Gedankenlesen, sich in ein Tier verwandeln, andere bedingungslos Befehlen können, Verführen mit einem Gedanke. All dies und noch viel, viel mehr vermag so mancher Kainit.

Wer wollte nicht schon immer einmal, zumindest für eine Nacht, unwiderstehlich sein? Wer wollte nicht schon einmal seinem Arbeitgeber befehlen können, endlich den Mund zu halten? Wer wollte nicht schon einmal fliegen können? Sich über alle Regeln hinwegsetzten? Wer hatte nicht schon das Gefühl, selber so unbedeutend und wehrlos zu sein? Diese Gefühle und Träume kennt jeder.

Kainiten erfüllt sich dieser Traum. Nicht alles, doch vieles. Wie reagiert man, wenn man plötzlich Dinge machen kann, die niemand merkt oder verhindern kann? Wie reagiert man, wenn Gesetz und Moral der Sterblichen einem nur noch als Schutz von und für Schwache erscheint? Jetzt, wo man stark ist?

Die Kräfte der Kainiten sollen ein Fluch sein, und sie sind es. Sie nagen am Geist eines solchen Wesens genauso, wie es das Tier im Inneren jede Nacht aufs Neue macht.

Wenn man sich darin verliert, in diese Kräfte, welche so verführerisch erscheinen, flüchtet, dann fällt man dem Wahnsinn anheim. Wer sich jede Nacht in eine Fledermaus verwandelt, weil dies so praktisch ist, der fühlt sich alsbald als Fledermaus wohler als in menschlicher Hülle. Wer immer verschleiert für das menschliche Auge daherkommt, für den ist es bald eine zweite Lebensweise, unsichtbar zu sein.

Und warum auch nicht? Unsichtbar zu sein bringt so viele Vorteile! Niemand spricht einen an, man kann alles sehen und machen, was man will. Man sieht endlich, was der Nachbar hinter verschlossener Türe macht und das hautnah!

Doch Moment! Wenn ein Kainit sich für einen Menschen unsichtbar machen kann, ja, wenn er dies selbst bei den meisten Kainiten schafft, wer sagt ihm, dass nicht er auf dieselbe Weise beobachtet wird? Kann er sich da sicher sein? Wenn die Fledermausgestalt so praktisch ist, ist diese dort ein Tier oder ist es ein anderer Kainit? Wer sagt mir, dass ich nicht gerade an etwas denke, was mir in den Kopf gesetzt worden ist? Wer hindert andere daran, das mit mir zu machen? Wer sagt mir, dass meine Gedanken nicht gerade gelesen werden? Werde ich beobachtet? Mag ich den Kainiten dort wirklich, weil wir uns seit Jahren kennen? Es könnte doch auch nur eine List sein! Eine Kraft! Wer sagt mir, dass diese Kräfte nicht gegen mich eingesetzt werden?!?

Die Antwort ist einfach - niemand.

Aus diesem Grunde ist es ein mehr oder minder offenes Gesetz, wer solche Kräfte bei einem Kainiten einsetzt, der gilt bald als geächtet. Wer trifft sich schon gerne mit einem Kainiten, der danach deine Gedanken besser kennt als seine eigenen? Wer lässt sich schon gerne mittels kainitischen Kräften manipulieren?

Nicht umsonst ist der Einsatz dieser Kräfte im Elysium verboten. Irgendwann möchte man die Vorsicht fallen lassen können. Diese ewige Anspannung, dass man aufpassen muss, was man denkt oder macht. Wie gut haben es da die Sterblichen!

Schließlich sind da noch profane Dinge, die sich aus dem ständigen Einsatz der Kräfte ergeben. Wer sich lieber darauf verlässt, dass er alle mit seiner Ausstrahlung dazu bringen kann, zu tun was er will, der lernt nicht mit Worten das gleiche zu erreichen. Man macht ungerne Fehler, doch nur so lernt man.

Zum Schluss gibt es noch eine Gefahr, an die niemand so gerne denkt. Irgendwann macht sich jeder Sterbliche Gedanken. Wenn er jemanden sieht, der sich in ein Tier verwandelt, regiert er sofort. Doch auch sonst, was hat den Sterblichen dazu gebracht, diesem Mann zu folgen? Er hatte doch nur gesagt: ?Wir gewinnen!?. Einen anderen hätte man ausgelacht, warum diesen Mann nicht? Hat er mich verzaubert? Hat er einen Pakt mit dem Teufel?

Ich hoffe, ich konnte ein wenig verdeutlichen, dass die Kräfte der Kainiten nicht nur Geschenke sind. Ich hoffe ich konnte zeigen, dass man diese Kräfte mit Bedacht einsetzten sollte. Sicherlich gibt es junge Kainiten, welche mit diesen Kräften spielen. Doch ehrlich gesagt, diese lernen auf die schöne oder die unschöne Art und Weise, dass diese Kräfte eben das nicht sind: Spielzeuge.